Das Leben im Ernstfall

Ein Jahr ist vergangen, in dem mein Blog im Dornröschenschlaf lag. Es war ein Jahr, das gleichzeitig so voll Stillstand und Bewegung war, dass mir manchmal schwindelig wurde. Die reinste Krisen-Achterbahn. Ich bin nicht nur um 12 Monate sondern um viele Jahre gealtert und meine Kinder haben einen großen Teil ihrer Kindheit verloren. Zuerst freiwillig abgegeben, dann wurden sie ihrer Kindheit beraubt und schließlich, so glaube ich, kann man nur sagen, sie haben unermesslich viel verloren. Wenn ich in meine Tagebuch-Einträge vom Frühjahr 2020 schaue, steht dort, dass jeden Tag die Kirchenglocken um 18 Uhr läuteten. Am späteren Abend wurde dann am offenen Fenster für Pflegekräfte und Ärzte applaudiert. Überhaupt ging es viel um Solidarität und #flattenthecurve. Was sich seitdem verändert hat!

Ganz am Anfang war es noch eine Nachrichtenmeldung wert, dass in Italien über 100 Menschen innerhalb eines Tages gestorben sind. Regionen wurden abgeriegelt. Im Telefonat mit meinen Eltern im Erzgebirge sorgten wir uns, dass Köln vielleicht abgeriegelt werden könnte, weil sich die ersten Fälle häuften. Wir wähnten sie in Sachsen auf dem Land in Sicherheit, dort ist ja nichts los. Am meisten jedoch, sagte ich, fürchte ich mich nicht vor diesem Virus. Am meisten fürchte ich, was das alles mit unserer Gesellschaft macht. Und noch immer hallt mir das Echo dieser Worte im Ohr.

Wir blicken nun auf über 100.000 Tote allein in Deutschland, an das große Sterben haben wir uns längst gewöhnt. Wir blicken nur noch mit Sorge nach Sachsen, das deutschlandweit die höchsten Inzidenzen hat und eine der höchsten pro-Kopf-Sterberaten in dieser Pandemie weltweit. Sprach- und fassungslos blicken wir auf das lethargisch-stumme Nichtstun der Politiker, die diese vierte Welle reiten, als gäbe es kein Morgen. Dabei standen wir vor genau einem Jahr an einer ähnlichen Stelle, waren jedoch voller Hoffnung, da ein Impfstoff in Aussicht war und damit hoffentlich endlich Normalität. Wer hätte ahnen können, dass die Impfquote ausgerechnet in dem Land, in dem zuerst der PCR-Nachweis und später der rettende Impfstoff entwickelt wurde, dass ausgerechnet in diesem Land die Impfquote beschämend niedrig bleibt. Und was das alles mit unserer Gesellschaft macht!

Unsere Normalität hat sich komplett gedreht, und während dieser Prozesse haben wir nicht nur Unbeschwertheit und Optimismus verloren. Uns ist das Urvertrauen abhanden gekommen, dass alles wieder gut wird. Freundschaften sind zerbrochen, Kontakte gekappt, früher oder später hat jeder aussortiert, wer und was noch erträglich ist oder wofür die Kapazitäten nicht mehr reichen. Die Krise wirft ein Schlaglicht auf all die großen und kleinen Missstände. Sie vergrößert wie eine Lupe, was so nicht weitergehen kann. Gleichzeitig lernt man die Höhepunkte, die besonderen Menschen, die wundersamen Kleinigkeiten des Alltags anders zu schätzen. Dabei definieren wir die Grenzen unseres Miteinanders fast täglich neu, sowohl was die soziale Interaktion als auch was die Risikoabschätzung eines Aufeinandertreffens angeht. Und dieses „was ertrage ich“ und „was gefährdet mich“ ist so unendlich anstrengend, dass man das Lachen verlernt. Singen darf man ja eh nicht mehr.

Wir sind mittlerweile routiniert in Selbsttests, haben uns in viel Eigeninitiative früh um Impfungen, Booster und auch eine off-label Impfung für die Kinder gekümmert. Die Adressen dieser Ärzte werden unter Eltern teilweise immer noch wie Gold gehandelt, weil die Umsetzung der regulären Kinderimpfungen an allen Ecken und Enden krankt. Einfach verschlafen wurde. Verzweifelte Eltern, die ihre Kinder aufgrund mangelnder Schutzmaßnahmen in Schulen und Kitas off-label impfen lassen, weil die Impfquote unter Erwachsenen nicht reicht, die Kinder mit zu schützen. Das ist für mich der Peak Dystopie.

Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt“

(Gustav Heinemann)

Nach all dieser Zeit, in der wir vorsichtig waren, in der wir solidarisch waren, in der wir versuchten, eine Infektion zu verhindern, weil sich die Hinweise auf Langzeitfolgen beängstigend mehrten, machte uns die Irrationalität und Blasiertheit der politischen Entscheidungen erst wütend, dann sprachlos, dann müde. Wir haben uns aufgerieben zwischen HomeSchooling und HomeOffice, haben das Unmögliche möglich gemacht. Wir sind wieder nicht richtig in den Urlaub gefahren, hatten wenig Erholung und konnten keine Kraft sammeln für das, was nun kommt. Die monatelangen Schulschließungen hängen uns immer noch nach. Es interessiert keinen.

Ich bin so politikverdrossen, dass ich meine Stimme bei der Bundestagswahl an meine Kinder übergab. Sie haben gewählt, denn ich fühlte mich von keiner Partei vertreten und ihr immer noch ungebrochener kindlicher Optimismus hat zwei Kreuze gesetzt, die für mich komplett an Wert verloren haben. Die offen kultivierte Wissenschaftsfeindlichkeit, auch was die Klimakrise und Biodiversitätskrise angeht, macht mir als Wissenschaftlerin schwer zu schaffen.

Und dann passierte, was wir trotz aller Vorsicht nicht verhindern konnten: Meine Tochter brachte das Virus aus der Schule nach hause mit. Sie hat sich wenige Tage vor ihrer zweiten Impfung und meinem Booster angesteckt und wurde dann zwei Tage später positiv. Der Cluster in der Klasse wuchs rasend schnell, obwohl die Kinder weiter ihre Masken trugen. Damit waren die Kinder strenger und verantwortungsbewusster als die aktuelle politische Linie, genutzt hat es leider nicht allen etwas. Angeschleppt wurde das Virus über eine Familie, die den Maßnahmen und der Impfung eher skeptisch gegenüber steht.

Wenige Tage nach meiner Tochter wurde auch ich positiv. Zuerst war ich optimistisch, mit meinen zwei Impfungen und dem Booster kurz vorher. Nun ist Covid jedoch so, wie es ist, nämlich unberechenbar und ich war noch nie in meinem Leben so krank. Diese Krankheit hat mich in einen Abgrund gerissen, der für mich vorher unvorstellbar war und für den ich kaum Worte finde. Am ehesten lässt es sich mit Fegefeuer beschreiben. Dabei waren Husten und Schnupfen noch das wenigste. Die Schmerzen und Lähmung, die mich überzogen haben, fühlten sich an, als wäre ich lebendig begraben. „Die Dementoren kommen wieder„, sagte ich im Covid-Delirium, weil die Erkrankung alles Leben, alle Kraft aus mir heraus gesaugt hat. Noch immer kommen regelmäßig die Atemnot und Schwäche zurück, in Wellen, die mich nach unten reißen. Es ist nun die vierte Woche nach meinem positiven Test, eine neue Zeitrechnung für mein Leben.

Der Weg zurück in meinen normalen Alltag ist ein anstrengender Kampf. Dennoch bin ich dankbar. Dass ich zurückkehren darf, dass ich so viel Unterstützung hatte. Meine Familie, allen voran mein Mann, hat mich gepäppelt. Mir wurden Blumen gesendet und Geschenke. Freunde schickten aufmunternde Worte, Mitgefühl. Sogar Bücher, Knabbereien und Limo standen plötzlich im Hausflur, um uns zu stärken. Das alles hat unheimlich gut getan. Seitdem sind die Meilensteine meiner Genesung „beim Zähneputzen nicht zusammenklappen“, „selbst Kaffee machen„, „aufstehen“ und seit drei Tagen auch mein „täglicher Spazierzwang“. Es wird sukzessive besser. Ich hoffe, dass auch die schlechten Wellen nach und nach aufhören, so dass ich irgendwann komplett von Muskelschmerzen, Atemnot und dem Druck auf der Brust befreit bin.

Während ich das schreibe, höre ich fast ununterbrochen Krankenwagen. Die Stärke einer Infektionswelle kann ich hier schon lange eher an den permanenten Sirenen bemessen, als an den offiziellen Zahlen der Stadt. Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Ich stehe immer noch rat-, fassungs- und sprachlos vor der aktuellen Situation. Arroganz, Ignoranz und Wissenschaftsfeindlichkeit haben uns in eine lähmende Starre versetzt. Wie Kaninchen vor der Schlange sitzen unsere Politiker mit radikalem Nichtstun diese Welle aus, während der medizinische Sektor kollabiert. Wir stehen vor einem gesellschaftlichem Scherbenhaufen, in dem von einer Spaltung fabuliert wird, die eine Minderheit voran getrieben hat. Vor dem wir erschrocken feststellen, wie uns Mitgefühl abhanden gekommen ist; unsere Kaltschnäuzigkeit und Egoismus die Überhand gewonnen haben, weil wir es anders nicht mehr durchstehen. Wie einen alt gewordenen Mantel haben wir vieles, was uns ausmacht, an der Tür zwischen Pandemie und alter Normalität aufgehängt. Darunter kommt blanke Wut zum Vorschein. Oder Leere. Wir sind taub geworden. Und vielleicht haben wir auch einen Teil unseres Selbst verloren.

Dieser Artikel geistert mir schon lange durch den Kopf. Um ein Lebenszeichen zu geben und auch um zu Verarbeiten, wie die letzten Monate waren und sind. Ihr müsst ihn nicht lesen, aber wenn ihr bis hier gekommen seid, habt ihr meinen größten Respekt. Habt es gut und macht es euch schön. Und passt auf euch auf!

CC BY-NC-SA 4.0 Das Leben im Ernstfall von Marja Katz ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Biologin aus Köln mit zwei kleinen Kinnings. Liebt ihre Familie, ihre Nähmaschine, ihr Cello.
11 comments
  1. Sehr betroffen macht mich dein Text. Weil er so grausam wahr ist. Messerscharf. Ich wünsch dir von Herzen, dass du ganz bald wieder komplett gesund bist. Liebe Grüße
    Sabine

    1. Vielen dank, liebe Sabine!

  2. Liebe Marja, ich wünsche dir von Herzen gute Genesung. Ich habe gerade die Doku in der ARD mit Eckhard v. Hirschhausen gesehen. Ich bin schockiert darüber was hier in unserem Land passiert & ich hoffe das wie das alles irgendwie überstehen.
    Herzliche Grüße
    Anke v. mojoanma

    1. Ja, es macht mich auch mehr als sprachlos, wie unsere aktuelle Situation ist. Vielen dank für die Genesungswünsche 🙂

  3. Liebe Marja, du sprichst mir aus dem Herzen. Ich wünsche Dir gute Besserung, und danke für das Teilen Deiner Erfahrung mit Covid – jeder Bericht kann zur Umkehr beitragen.
    Herzliche Grüße Tily

  4. Liebe Marja,
    ich wünsche dir gute und schnelle Genesung. Und ich kann deine Wort nur unterschreiben: Es ist erschütternd und frustrierend, wie diese Pandemie politisch gehandhabt wird.
    Mein Mann arbeitet in einem Krankenhaus im OP. Was er mir von dort und den verschiedenen Stationen des Hauses berichtet, klingt abolut irrational. Aber es ist wahr, und das macht es umso schlimmer.
    Viele Grüße
    Julia

    1. Danke für Deine Worte, liebe Julia!
      Ja, das finde ich auch sehr schwierig, damit umzugehen: Das eine ist, wie man die Krisensituation verarbeitet und das andere ist, wie der Umgang mit der Krisensituation ist. Und es ist sehr schwer zu ertragen, dass der Umgang mit der Krisensituation oft nicht so ist, wie es der gesunde Menschenverstand oder die Wissenschaft es vorgeben würden. Das macht alles noch viel anstrengender, finde ich.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute!

  5. Liebe Marja,

    danke für diesen bewegenden Post und Deine Ehrlichkeit, sowie den Einblick in Deine Gefühlswelt. Ich wünsche Dir eine rasche, gute Besserung, viel Kraft und eine nicht enden wollende Energie, die Dich auch da wieder heraus holt!

    Alles Liebe und Gute!!!

  6. Liebe Marja, an erster Stelle alles, alles Gute für dich und viel Kraft für die Genesung!
    Mit vielem von dem, was du geschrieben hast, sprichst du mir aus dem Herzen. Ich habe ein chronisch krankes Kind und was uns in all dieser Zeit am meisten zu schaffen gemacht hat, ist die an vielen Stellen fehlende Solidarität. Das falsche Verständnis von Freiheit, von der schon Kant sagte, dass die des Einzelnen dort aufhört, wo die des Anderen beginnt. Das falsche (oder fehlende?) Verständnis von Wissenschaft und wissenschaftlichen Diskurs, das fehlende Vertrauen in die Forschung und die fehlende Bereitschaft, für die Gesundheit aller gemeinsam ein Stückchen zurückzustecken. Wir haben in dieser Zeit einige Freunde verloren, aber auch viel Kraft bei Menschen gefunden, zu denen wir eine ganz neue Nähe aufbauen konnten.
    Viel Energie für dich und deine Familie!

  7. Hallo Marja,

    immer wieder einmal lande ich hier auf deiner Seite, um mir Inspiration fürs Nähen zu holen, zu sehen, was es Neues bei der Familie in Köln gibt. 😀 Tja, bald ist Karneval, so bin ich heute hier gelandet.

    Ich hoffe, dass es dir inzwischen sehr viel besser geht! Das ist das Allerwichtigste. Dass es einen so erwischt trotz Impfungen finde ich sehr erschreckend, aber es wird gewiss trotzdem als milder Verlauf bezeichnet.

    Der Text hat mich zunächst schockiert, weil er so wahr ist. Die Familien, die Kinder -alle- reißen sich seit 2 Jahren zusammen und verzichten auf Vieles. Und nun wird nicht mehr viel dafür getan, dass unsere Kinder geschützt werden. Wir haben noch kein Schulkind und wohnen auf dem Land, das wird der einzige Grund sein, warum es uns noch nicht erwischt hat. Aber es ist eine Frage der Zeit. 😞

    Der Text ermutigt mich aber auch weiter zu machen wie bisher. Die Sicht einer Biologin mit Familie und Kindern auf die Pandemie, die Ehrlichkeit all das zeigt mir, dass ich nicht zu vorsichtig – oder gar panisch oder verrückt – bin. Danke dafür!

    Ich wünsche von Herzen alles Gute und freue mich, bald wieder schöne Berichte hier lesen zu können.

    Viele Grüße

    Tilli

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