Blog über den Tellerrand

Seit ein paar Jahren gibt es einen starken Aufwärtstrend im Bereich DIY und speziell auch Handarbeiten. Stricken und nähen wurden immer populärer, so dass es kaum verwunderlich war, dass auch Blogs zu diesen Themen entstanden; einige werden seit vielen Jahren geführt, andere machen einen Dornröschenschlaf oder verschwanden wieder. Die Vielzahl an Nähblogs ist immer unübersichtlicher geworden, Verlinkungsaktionen wie der Me Made Mittwoch, RUMS oder der Creadienstag werden so stark frequentiert, dass man in der Masse der Teilnehmer fast untergeht. Dennoch findet eine Vernetzung zwischen den Blogs statt und es hat sich eine sehr lebhafte Community gebildet. Im Alltag, der bei mir in der Regel durch Leute geprägt ist, die gar nicht nähen oder selbermachen, kommt mir die DIY- und Nähszene manchmal sogar wie eine eigene Subkultur vor. Bestimmte Themen, Erfahrungen und Insiderwitze sind einem mittlerweile beeindruckend große Kreis von überwiegend Frauen vorbehalten. Interessant dabei ist, dass auch Wortneuschöpfungen entwickelt werden, die in eine Wahl zum Nähnerdwort des Jahres gipfeln. betusDiesen Monat ist mir besonders aufgefallen, dass das Nähen in Blogs schon lange kein Nischenthema ist. Innerhalb unserer Näh-Subkultur haben sich so viele Cliquen und kleinere Communitys gebildet, werden zahlreiche stark fokussierte Blogs zu spezielleren Themen geführt, dass einzelne Bloggerkreise kaum miteinander vernetzt sind, obwohl sie lokal oder thematisch gar nicht weit voneinander entfernt sind. An diesem Aha-Erlebnis möchte ich euch mit einigen Empfehlungen teilhaben lassen, und wage mit euch einen Blog über den Tellerrand (jaja, ich weiß: ein Schein in’s Phrasenschwein 😉 ).

Durch einen Zufall ist mein Blick im März auf unser Nachbarland im Westen gefallen, denn dort wird auch genäht, und wie! Angefangen hat eigentlich alles mit der Erzählung meiner Mama, dass die Tochter der Arbeitskollegen meiner Eltern (deren Cousin, der Stiefsohn, der Freund, die Nachbarin), die ich aus Kindertagen kenne, „auch total nähverrückt“ sein muss. So verrückt, dass sie kürzlich ihren eigenen Laden für Stoffe und Genähtes eröffnet hat. Au fil des enfants bietet Stoffe hoher Qualität und in tollen Designs an und ich wünsche – natürlich – einen guten Start!

Als ich so durch die französischen Gefilde des Internets surfte, schaute ich natürlich auch nach Nähblogs. Es ist nicht sonderlich überraschend, dass ich schnell fündig wurde, aber ich muss gestehen – die französische Bloglandschaft hatte ich bis jetzt überhaupt nicht auf dem Schirm. Besonders gut hat mir Les lubies de Louise gefallen. Kleidung, Schnitte und Bücher sind erfrischend anders als das, was man in deutschen Nähblogs regelmäßig so sieht. Louise ist nicht nur stilsicher, sondern auch sympathisch und herrlich französisch. Eine echte Inspirationsquelle!

Aber auch in deutschen Blogs hatte ich einige schöne Neuentdeckungen. Auf instagram bin ich über einen ausgezeichneten Artikel über Bessere Blog Bilder gestolpert, der bei Nähfrosch erschienen ist. Der Artikel „Was ist das Bokeh?“ ist Teil einer Serie, die Katja gemeinsam mit ihrem Mann (der praktischerweise Fotograf ist) erstellt. Die Artikel sind nicht nur sehr informativ und wunderbar verständlich geschrieben, sondern auch toll bebildert. Wen das Thema Fotografie für Blogs interessiert, der sollte dort unbedingt mal vorbeischauen.

Die Neuentdeckung des Monats ist für mich das sehr feine Blog flouncedlucia. Das Blog besteht seit 2011 und gezeigt werden sowohl alltägliche Kleidung als auch historische Kostüme. Unglaublich ausgefeilte, akkurat genähte Kostüme. Viktorianische Kleider, Alice-im-Wunderland, Prinzessin-Arwen oder Mittelalterumhänge, ich glaube, es gibt fast nichts, was Lucia noch nicht genäht hat. Dieses Blog ist eine absolute Schatztruhe und ehrlich – jedes Mal, wenn ich die Seite aufrufe, versacke ich, weil es so vielseitig ist und ein mittlerweile so riesiges Archiv an Ideen und umgesetzten Kleidungsstücken hat. Umgesetzt sind die Stücke mit viel Phantasie, Akribie und Liebe zum Detail. Das findet man nur selten. Chapeau!

Im letzten Monat startete außerdem der Film Und Serien Sew Along, kurz FUSSA, dessen Thema ich ganz toll (für den ich aber leider keine Zeit) finde. Angelehnt an Kostüme aus Film und Fernsehen, wird ein eigenes Kleidungsstück oder Outfit genäht, egal ob das Drei Engel für Charlie oder ein Ballkleid ist.

Apropos, Ball: Alexandra von Mamamachtsachen hat mit viel Aufwand den Dressmaker’s Ball in der Rohrmeisterei Schwerte organisiert. Zu einem ausladenden Büffet und Musik wurde getanzt, gefachsimpelt und Ballkleidung ausgeführt. Berichte und Bilder dieser beeindruckenden Sause gibt es bei Alex und anderen Bloggerinnen. Dass die Szene wächst, sieht man unter anderem an den zahlreichen Treffen in unterschiedlichsten Formen überall in der Republik. Nach der Annäherung, die wieder im Januar in Bielefeld stattfand, traf sich ein Schwung voller Nähbloggerin zum Nähcamp in Berlin und ließ ein Wochenende lang die Pedale glühen. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich innerhalb einer Community parallel Ideen bilden, die erfolgreich umgesetzt und wiederholt werden. Teilweise auch ohne dass die Veranstalter oder Teilnehmerinnen voneinander wissen. Wie das Nähcamp war, könnt ihr bei der Organisatorin Elke nachlesen. Doch damit nicht genug, die Bloggerinnen treffen sich in diesem Frühjahr sehr ambitioniert in allen Himmelsrichtungen Deutschlands. Nach Bielefeld, Schwerte und Berlin steht als nächstes das Treffen in Stuttgart am 18. April an. Kurz darauf, am 9./10. Mai 2015 findet das Bloggerinnentreffen in Leipzig statt.

Auch wenn mich die vielen Sew Alongs, Nähkränzchen und Treffentermine manchmal etwas atemlos machen und ich bei weitem nicht immer dabei sein kann… Ich finde es toll, ein Teil einer so großen und bunten Gemeinschaft zu sein!

CC BY-NC-SA 4.0 Blog über den Tellerrand von Marja Katz ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Marja Katz

Biologin aus Köln mit zwei kleinen Kinnings. Liebt ihre Familie, ihre Nähmaschine, ihr Cello.
4 comments
  1. Und wie die Pedale geglüht haben! Schön, dass du das Nähcamp mit in deinen tollen Bericht aufgenommen hast. Ich bin immer neugierig, und entdecke gerne neue Blogs. Daher schon mal Danke für den Tipp zu Les Lubies de Louise. Du hast recht, die Bloggerin kommt sehr sympathisch rüber. Da werde ich später mal in Ruhe stöbern. Auch durch deine anderen Tipps werde ich bei Gelegenheit mal in Ruhe lesen und schauen.
    Es gibt wirklich in der Nähblogwelt so viele unterschiedliche Richtungen, wie man sie auch im richtigen Leben findet. Vieles findet parallel statt, manches vernetzt sich. Ich finde das sehr spannend.
    Liebe Grüße,
    Elke

  2. Huch, stolper, hallo!
    Da bin ich nun auch über deinen Blog gestolpert! Deine Verlinkung zu mir hat mich her geführt. Der Artikel gefällt mir richtig gut muss ich sagen. Die französischen Blogs würden mich ja auch interessieren, aber ähem, an der Sprache haperts dann doch sehr. Da schaue ich mich besser erst mal auf deinem schicken Blog um! Hier verstehe ich wenigstens die Worte, auch wenn ich die Beschreibung für die coole Origami Bag wohl noch ein paar Mal lesen muss. Aber ich glaube so eine brauch ich!!! 🙂
    LG
    Katja

  3. Hallo noch einmal,
    Ich habe jetzt erste den Artikel gelesen, und freue mich natürlich total, dass du meinen Shop angibst. Danke, danke, tausend Dank!!!
    Die Nähcommunity wächst hier in Frankreich, letztes Jahr gab es sogar einen Nähwettbewerb als Fernsehsendung – „cousu main“ (handgenäht), die hatte grossen Erfolg und hat bestimmt noch ein paar Näherinnen herausgebracht.
    Liebe Grüsse,
    Susanne

  4. Hallöchen!
    Ich habe gerade per Zufall entdeckt was du so wunderschönes über mich schreibst! Vielen Dank! Das hat mich wirklich sehr gefreut und ich fühle mich geschmeichelt und geehrt! Freut mich dass dir meine Seite so gut gefällt!

    Liebste Grüße,
    Anjuli Lucia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.