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Es gibt einen Stoffladen in Köln, der mich fast meine ganze Nähkarriere hindurch begleitet hat, weil es dort ein große Auswahl an Stoffen, Kurzwaren und Zubehör gibt. Leider hatte ich nicht immer ein gutes Gefühl, wenn ich den Laden verlassen habe; so auch am letzten Mittwoch. Obwohl ich ein paar schöne Sachen für das Kostüm meiner Tochter gekauft habe, habe ich mich irgendwie geärgert und ich fing an darüber nachzudenken, woran das eigentlich genau liegt. Warum habe ich so oft ein schlechtes Gefühl, wenn ich dort eingekauft habe? Ich habe schon öfter sehr negative Berichte über die “größte Stoffetage Kölns” (so der Schaufensterspruch am alten Standort am Neumarkt) gehört. Das Personal sei unfreundlich, teils herablassend oder sogar arrogant. Regelmäßig höre ich auch, das Kundinnen praxisfern, unsachgemäß oder regelrecht falsch beraten wurden. Beispiele gefällig?

  • Einer guten Freundin von mir wurde für einen Sportartikel ein vollkommen falscher, dafür sehr teurer Stoff verkauft, der für ihr sehr genau beschriebenes Projekt (sie hatte sogar ein Beispiel dabei!) absolut unbrauchbar war.
  • Als ich mich selbst telefonisch nach einem roten Stoff mit grünen Punkten für ein Erdbeer-Kleid erkundigte, wurde ich abgebügelt, das wäre nicht da. Ich könne ja aber grüne Punkte mit Vlieseline aufbügeln. Mein Einwand, dass das für ein Kinderkleid unpraktisch ist, weil sich die Ränder leicht ablösen und ich das Kleid ja auch mal waschen möchte, wurde abgewürgt mit den Worten: “Das hält bombenfest!”. Als ich ein paar Tage später zufällig doch im Laden vorbei kam, hatten sie eigentlich fast exakt den Stoff den ich suchte – nur war der Farbton eher ein sehr dunkles pink, was man für ein Erdbeer-Kleid aber sicher hätte verkraften können.
  • Mir wurden öfter schon Einlage oder Stoffe verkauft, die für das Schnittmuster (das ich dabei hatte) absolut ungeeignet waren (z.B. viel zu steife Stoffe/Einlagen für eine Bluse bzw. Kleider)
  • Trotz der genauen Angaben in einem Schnittmuster zu einer sportlichen Burda-Bluse, wollte mir eine Verkäuferin einmal keine Jersey-Druckknöpfe verkaufen. Sie meinte, das würde nicht hübsch genug aussehen. Ich ging letztlich mit einem Satz deutlich teurerer, schwarzer Knöpfe nach Hause

Fehlberatungen können natürlich mal vorkommen, aber in einem Laden wie Stoffmüller relativ kostspielig und ärgerlich sein. Ich finde ja, dass man Fehler durchaus verzeihen kann, wenn das Personal freundlich, charmant und reflektiert agiert. Meiner Erfahrung nach ist das bei Stoffmüller eher selten der Fall. Viel öfter habe ich den Eindruck, dass man den Verkäuferinnen ein bisschen auf die Nerven geht. Mit einer guten Freundin wurden wir einmal darauf hingewiesen, nicht so lange die Stoffe anzuschauen, sondern uns zu entscheiden. Weil wir Samstags eine halbe Stunde vor Ladenschluss in den Laden kamen. Unsere Töchter waren zu der Zeit noch sehr klein und so waren wir natürlich denkbar frustriert, dass das Personal uns am einzigen Termin, an dem wir mal etwas Zeit fanden, aus dem Laden komplimentiert hat.

Als ich nun am Mittwoch im Laden war, hatte ich mal wieder ein Erlebnis der dritten Art, das so viele negative Erfahrungen in sich vereinte, dass ich – auch auf Anraten der Twitter-Damen – beschloss, diesen Artikel zu schreiben. Der Laden war nicht sonderlich voll, aber nachdem ich etwas erfolglos nach Stoffen geschaut hatte, wartete ich, bis eine Verkäuferin Zeit hatte. Ich sprach sie an, ob ich sie eben stören dürfe und sie brummte “Natürlich!”, drehte mir aber direkt für ein paar Minuten den Rücken zu, um irgendwas rumzuräumen, was genauso gut ihre Kollegin hätte machen können. Allein diese Anfangssituation, dass eine Kunding fragt, ob sie bedient werden dürfe, das Personal pampig antwortet und sich erst einmal anderweitig beschäftigt, spricht schon Bände.

Das Verkaufsgespräch und die Beratung verlief wie sonst auch meistens. Die Dame hatte keine Lust, sich kurz in mein Projekt (Dornröschenkleid für meine Maus) einzudenken. Auf konkrete Nachfragen nach bestimmten Stoffen in bestimmten Farben, antwortete sie “Nein, das haben wir nicht!”, mit einem Gesichtsausdruck als sei das meine Schuld, weil der Wunsch absolut abwegig ist (Jersey in dunklem Pink). Eine Alternative wurde mir nicht angeboten. Friss oder Stirb – oder eben: Such doch alleine weiter! Bei der Materialberatung für Oberstoff und Unterkleid für das Kostüm, wurde ich gemaßregelt, der ausgewählte Stoff sei Kleidertaft und kein Futtertaft (es ging nur darum, ob Taft an Taft nicht zu sehr reibt, aber offensichtlich hatte ich das falsche Wording), andere leichte Unterrockstoffe wurden mir nicht angeboten, weil das “sowieso immer aneinander reibt”. Den Unterrock wollte ich mit Organza bauschen, aber “Das kriegen sie nicht hin!” (sic!!!) Diesen Spruch, der mir absolute Nähinkompetenz unterstellt, habe ich (und auch andere) in dem Laden schon viel zu oft gehört. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich dabei lachen oder heulen soll, denn die Ironie ist so offensichtlich: Wahrscheinlich bringen sowohl ich als auch die anderen Nähnerds nähtechnisch mehr zuwege, als die komplette Belegschaft zusammen. Nach einigem Hin und Her über Rüschen, Organza, Stoffrosen usw fragte ich noch nach Goldpaspel, was einen erheiternden Dialog zur Folge hatte:

“Was woll’n Sie’n damit?” – “Naja, ich dachte, wenn ich das Oberteil jetzt doch nicht aus Jersey, sondern aus Webware mache, dann kann ich auch gleich Prinzessnähte machen und die golden paspeln.” – schockierter Blick über Nähjargon – “Goldene Paspel, das haben wir nicht mehr. Außerdem wird das alles viel zu viel mit den ganzen Stoffrosen und allem. Und Paspeln…was wollen sie damit an den Nähten? Die stecken ja dann noch dazwischen.” – “Ja. Eben.”

Die Dame mag also keine Paspeln und hat mir folglich auch keine verkauft. Der Einwand, dass das Kleid zu überladen wird, war allerdings sehr berechtigt und auch ein guter Hinweis. Sie schlug vor, ich solle das Kleid erstmal fertig nähen und damit in den Laden kommen, dann könnten man noch mal schauen, ob man Paspeln oder Borten nimmt. Meinen Kommentar, dass man bei einem fertigen Kleid keine Paspeln mehr anbringen kann, es sei denn, man trennt alles wieder auf, habe ich mir verkniffen. Es wurde abgerechnet und da folgte der i-Punkt des Ganzen. Für die Stoffrosen hat sie mir den doppelten Preis berechnet (immerhin 16€ statt 8€). Als ich sie darauf hinwies, folgte nicht etwa so etwas wie eine Entschuldigung, die Beteuerung, das sei ein Versehen gewesen oder das so etwas nicht wieder vorkomme. Nein. Die Dame meinte, sie hätte das natürlich beim Eingeben an der Kasse noch gemerkt, da solle ich mal keine Sorge haben. Alles klar.

Das Fazit für mich ist: Stoffmüller und ich gehen von nun an getrennte Wege. Ich habe dort schon sehr gute Stoffe gekauft, tolle Schnäppchen gemacht und bin auch schon freundlich beraten worden. Leider überwiegen die negativen Erfahrungen und ich habe keine Lust mehr auf das entnervte Augenrollen, auf die Maßregelungen und die Arroganz, falls man mal eine nicht ganz konventionelle Idee hat. Vor allem aber möchte ich mir nicht mehr von irgendeiner Verkäuferin sagen lassen, was ich in der Lage bin zu nähen und was nicht. Es gibt nämlich noch sehr viele andere sehr gute Stoffgeschäfte in Köln, mit freundlichem und auch sehr fachkundigem Personal – eines davon sogar wenige Meter von Stoffmüller entfernt …

CC BY-NC-SA 4.0 Stoffmüller-Medley von Marja Katz ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.